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BOAVISTA Tiempo y silencio
Von Köln nach München. Von München nach Sal. Sal war nur Flughafen, nicht mehr. Ein internationaler Flughafen, der anmutet wie der Bahnhof einer verschlafenen deutschen Kleinstadt. Ein Ankommen, ein Weiterfliegen. Boavista.Sahara, wie in den Atlantik geworfen, las ich zuvor. Manche ihrer Landschaften gleichen wahrlich der Sahara: Dünen, Palmen, die Spuren des steten Windes sehr viel deutlicher als die jener leuchtenden wirtschaftlichen Vergangenheit. Es ist ein Ansatz, und doch nur ein Ansatz...
Eine Insel aus Sand und Schwermut. Wer Ruhe sucht, findet sie - ohne Suchen zu müssen. Strände, goldgelb und endlos, weisslich leuchtend und weit; Sand, der fast zärtlich durch die Hände rinnt, wie gemahlen... Boavista ist Sehnsucht, Boavista ist Einsamkeit, Weite und Phantasie. Boavista ist das Blau des Himmels, das Blau des Meeres, das Gelb der Sonne und die Farbe des Sandes... Dazwischen nicht viel – aber genau das ist es!
Nichts, was den Blick ablenkt vom Wesentlichen, keine Üppigkeit, keine Farbenpracht, kein Lärm und nichts, was die Sinne stört. Boavista ist pur, die Reduktion auf das Nötigste. Und nicht einmal das...
Die Ankunft ist Schweigen. Der Atem stockt, es gibt nichts zu sagen. Blicke, Betrachten, Geniessen und Denken.Unterkunft im Estoril. Ein Gegensatz: Italien kontra Cabo Verde. Europäisch anmutend, am Rande des Ortes. Gepflegt, südlich, gewischte Wände. Unwichtig. Kein Auspacken, kein Räumen, es treibt mich raus.Schöne schwarze Gesichter, lächelnde Augen, neugierig mal, dann vorsichtig - immer freundlich.
Der erste Gang lässt mich gänzlich verstummen. Alle Sinne sind zu beschäftigt, Worte lassen sich nicht finden, sind überflüssig. Ich bin nur noch Gefühl.Bar Naida. Ein kleiner Eingang, ein Tresen, an den Wänden Bilder der Deutschen Fussball-Nationalmannschaft von vor 20 Jahren, daneben ein Kalender von 1989. Im Nebenraum Tische mit Plastikdecken, Weihnachtsmotive oder Blumen. Einfach und liebevoll. Der Gast sitzt unter einem dichten Dach von Palmwedeln und Stroh, nicht drinnen, nicht draussen. Daneben direkt das Private der Besitzer. Einheimische wie zwei, drei Touristen finden sich. Ein Paar fällt mir auf, wir wechseln einige Tage später nur wenige Worte. Wie überall in den Restaurants auch hier ein Fernseher. Eine Flucht vor der Eintönigkeit, Träume von westlichen Ländern und Amerika verpackt in billige Soaps mit simpelstem Hintergrund. Selbst die Kleinsten kleben mit den Augen auf dem Bildschirm, ob Science-Fiction-Szenen oder ein Paar beim verruchten Liebesakt. Sie gucken alles. Das Essen ist vorzüglich und frisch, eine Auswahl von Fischen, Ziege und ... Fischen.... Der Chef des Hauses freut sich über jedes bemühte Wort. Um halb elf kommt die Rechnung, ungefragt. Nun möchte man unter sich sein. Zwei Tage später treibt es mich erneut hier hin. Der gleiche Genuss sofort, dann der Wunsch auf Toilette zu gehen. Die Blicke des Besitzers sagen mir, ich solle es nicht tun. Aber es ist nicht zu ändern. Er führt mich in den Nebenraum, schliesst die Tür hinter mir, da sie sich von innen nicht verschliessen lässt. Zwei Urinale, ein Becken. Fliessend Wasser gab es vermutlich noch nie. Dafür Tiere, die wohl ohne Wasser leben können. Nicht weiter schlimm. Sie werden zur Gewohnheit, ich beginne meine europäische Hygiene-Vorstellung in Frage zu stellen. Zumindest die ersten zehn Minuten. Nach zwanzig Minuten hoffe ich, dass er mich rauslassen möge, endlich. Rufen mag ich nicht – es würde die anderen stören. Irgendwann erinnert er sich an mich. Vermutlich, weil das Essen fertig ist. Er lächelt, eine Kakerlake und ich verlassen den Raum gemeinsam. Das Essen schmeckt mir...
Ein Fussmarsch am Meer entlang, zur alten Ziegelei bei Rabil. Stille, die Augen saugen auf. Ich wusste nicht, wie einsam Einsamkeit sein kann. Und mit der Einsamkeit einher kommt Besinnung. Kein Mensch begegnet mir, bis ich vor der Ruine stehe, der Schornstein weithin sichtbar. Die Wüste holte sich, was ihr gehörte.Verrostete Technik, Stein, der so weich geworden ist, dass man ihn mit dem Finger einzudrücken vermag. Ein Zeichen von vergangener wirtschaftlicher Blüte der Insel, bevor Mindelo auf der nördlichen Insel Sao Vicente zum „Welthafen“ wurde, bevor Heuschrecken, Erosion und Wassermangel das ihrige taten, um der Natur zurück zu geben, was ihr gehört.
Leben und Tod ganz eng umschlungen, ein Paar... Kontraste, der Blick auf das unendliche Meer, die Stille, nebenan eine Bungalowanlage im Aufbau, ausgestorben und leergefegt, wie die alte Ziegelei, die wie ein Mahnmal daneben steht. 120 Bungalows, eng an eng. Zwei Personen pro Bungalow gäben einen Strand wie El Arenal. Ich wünsche mir, es werde eines Tages heissen „Alte Ziegelei“ und „Alte italienische Anlage“... geholt von der Wüste...
Eine Schar von Kindern taucht auf, aus dem Nichts. Eine Hand voll kleiner Jungen, ebenso viele Mädchen, zwei Mütter im Hintergrund, die sich setzen und Karten spielen. Die Mädchen sind kleine Schönheiten. Ich beobachte - und sie wissen es. Sie beginnen mit mir zu spielen, mit Blicken, mit Gesten und das älteste der Mädchen, Samira, weiss ob ihrer jungen Ausstrahlung. Sie wirft die Haare zurück, zeigt weisse Zähne kontrastrierend zur schwarzen Haut und stolziert zum Wasser. Sie begleiten mich, als ich ein Foto machen möchte, von der Anlage, als abstossendes Beispiel, bis ich auch sie fotografiere. Das Gespräch ist noch mühsam. Sie verstehen mich nicht, ich sie nicht, aber wir verstehen uns... Der Rückweg geht durchs Inselinnere. Trockene Faszination, Esel, zwei Kühe, mit einem Seil an Felsen gebunden, als wolle man sie an einer Flucht hindern, und doch es gibt kein saftigeres Ziel für sie, auf Boavista. Plötzlich Kinder, die wieder auf mich zu laufen. Sie kommen aus den flachen Steinhäusern am Ortsrand von Rabil, einfach gemauert, dazwischen kleine Steinzäune, zwischen denen die Schweine sich einmal um sich selbst drehen können. Doch selbst diese Tiere sind freundlich, als ich mich in das Gehege beuge. Die Kinder scheinen fasziniert, strahlen mich an und als sie endlich meinen Fotoapparat bekommen und sie damit herumspielen können, ist die Stille von Kinderlachen durchbrochen. Danach laufen sie winkend von dannen.
Durch die Einöde, dichtes Gestrüpp, am Flughafen vorbei. Der Dorn, der sich durch die Sohle in meinen Fuss bohrt, und wahrscheinlich noch heute in meinem Herzen steckt, könnte vermutlich ein Regal an der Wand halten. Ich erreiche Sal Rei. Es ist ruhig im Ort, das pralle Leben, so höre ich, kommt in der Saison. Noch sind hier kaum Touristen. Ein Paar, was im gleichen Hotel wohnt. Er erklärt mir ernsthaft, er hätte das einzige deutsche Sandmuseum, mit Sand von vielerlei Stränden der Welt... Sie hätten sich vorbereitet, auf die Inseln. Und morgens brüskieren sie sich am Buffet ob der Auswahl und der Kaffee sei ohnehin zu dünn. Ich denke an die, die nichts haben, wenige Meter entfernt... Ein anderes Paar hat sich „nicht vorbereitet“ und passt sich so an, dass es faszinierend wirkt. Sie ist schwanger, saugt das Land auf und möchte wiederkommen. Zwei, drei andere lerne ich nicht kennen.Ich gehe etwas essen, den obligatorischen „Pontche“ an der „Tankstelle“ im Anschluss... Die „Tankstelle“, eine Art Kneipe auf einer kleinen Strasseninsel. Drei Tische, ein Büdchen, ein Baum. Wunderschön und bestechend durch diese Originalität.
Die Dunkelheit bricht rasch herein. Ich gehe langsam durch den Ort zurück, als ich merke, wie viele Menschen unterwegs sind. Sie strömen in eine Richtung, zielstrebig, herausgeputzt, strahlende Kleidung, strahlendes Lachen. Die erste Musik dringt an mein Ohr und ich kann nicht anders, als ihr zu folgen. Ein „festa“...Vorsichtig spähe ich in den Hinterhof. Hunderte von Menschen. Ich wusste nicht, dass der Ort so viele Menschen hergibt. Ich gehe hinein, als ich merke, dass ich wohl nicht als störend empfunden werde. Eine Band aus Sao Nicolau spielt auf, mitreissend, packend, harmonisch. Ich fühle mich wie in einem Film, setze mich an den Rand und sauge auf, betrachte. Alte Menschen und Jugendliche, dazwischen zunächst noch spielende Kinder. Alle wiegen ihre Körper im Takt der Musik. Gebrechliche alte Frauen. Sie wirken zitterig, als müsse man sie stützen. Mit dem Anfang des nächsten Liedes sind alle Gebrechen verschwunden. Sie jagen die Männer über die Tanzfläche, drehen sich wie junge Mädchen, lachen, flirten, strahlen und sind das jüngste, was ich erblicken kann. Eine kräftige Schwarze rührt in einem grossen Topf, holt etwas heraus und reicht es herum. Auch bei mir bleibt sie stehen, bietet mir Fisch an, in Teigware zubereitet. Er zergeht auf der Zunge. Ich blicke mich um und bemerke, dass ich die einzige Weisse bin. Aber ich störe nicht. Die Menschen lachen mich genauso an, wie die anderen, sie feiern, als würden sie nichts anderes tun; Arbeit, Alltag, Kummer, die Klänge der Musik scheinen sie zu vertreiben, es wird gefeiert und nichts als gefeiert. Später gesellt sich Martine zu mir. Sie ist Französin, aus Paris. Drei Jahre hat sie auf Reunion gelebt, nun sucht sie ihre neue Heimat auf Cabo Verde. Wir reden und schweigen, trinken und betrachten. Die Menschen kommen auf uns zu. Erzählen vom Fest, vom Essen, von der Musik. Ich beginne besser zu verstehen. Als Cesarias „Sodade“ gespielt wird, sind alle eine Familie. Die Toilette ist bis an den Schüsselrand mit allem gefüllt, was der Körper aus sämtlichen Öffnungen an Ausscheidungen herzugeben vermag. Um sie herum eine wohlgenährte Grossfamilie von Kakerlaken, die ob ihrer Grösse einer gemeinen deutschen Maus die Neidesröte ins Gesicht triebe. Ich denke an die direkt angrenzende Küche, streiche Cachupa für die nächsten Tage von meinem Speiseplan und erledige mein Bedürfnis „afrikanisch“ hinter dem nächsten Auto. Die ersten Betrunkenen werden anhänglich, aber bleiben respektvoll. Es scheint als wäre Respekt noch ein ganz anderer Wert, als in Europa. Selbst die zwei Heiratsanträge, die ich an diesem Abend von einem etwa Achtzigjährigen und einem jungen Mann bekomme, sind nicht aufdringlich. Die beiden werden weder durch Bigamie noch durch Kinderscharen in Deutschland geschreckt, aber als ich freundlich ablehne, akzeptieren sie es bedauernd und bleiben weiterhin nett. Gedanken über die Wertigkeiten im Leben, über „Entwicklungshilfe“, die wir in Deutschland benötigen... Gegen drei Uhr gehe ich langsam zu meiner Unterkunft. Der Himmel geschwärzt, die Musik im Ohr. Das Fest geht weiter, bis in die frühen Morgenstunden. Meine Eindrücke bleiben länger.
Die nächste Wanderung. Das Wrack der Santa Maria.Ausgedörrt, Steine, Pflanzen sind eher rar. Hier und da spriesst eine Blüte aus dem Sand, voller Kampfgeist und Schönheit. Ich denke an Europa: Der Mensch macht sich die Erde untertan...?! Felsen spalten sich unter der Kraft der Sonne, nicht so die Freude der Menschen. Möge man das als „Untertan machen“ ansehen, so wäre vielleicht der Mensch der Sieger... Solange er Mensch ist... Sonst sieht man auf Cabo Verde, dass es anders ist. Die Natur macht sich die Natur untertan, der Mensch wird gezügelt und begreift... Mein Reiseführer führt wieder einmal „schier endlose“ Wege an, Pisten, Berge... „Schier endlos...“ - diese Bezeichnung bekommt neue Dimensionen: Endlos die Wege, der Kamm, dann der nächste, hinter dem noch einer nur darauf wartet, bestiegen zu werden.... Doch schier endlos auch die Herzlichkeit, die Freundlichkeit... Die Menschen lächeln. Immer. Aber kein Mensch begegnet mir auf diesem Weg.
Eine Mondlandschaft auf dem Weg zur Santa Maria. Vermutlich nicht der richtige Weg, aber ein Weg und zum Ziel führt auch er. Ziegen fressen Steine, ein Esel kaut nicht vorhandenes. Was sie trinken bleibt offen. Die Santa Maria. Gestrandet in den sechziger Jahren, gescheitert an jenen tückischen Riffen und Strömungen, an denen schon Sir Francis Drake und auch James Cook auf seiner dritten Reise in die Südsee nur taumelnd vorbeiglitten. Das Meer hat den Stahl zerfressen, das Salz ihn zernagt; wie ein Skelett liegt das Wrack am Strand. Wellen peitschen fast bis zum Deck, das Grünzeug im Mast spricht davon, dass das Wasser auch bis dort oben klettert. Krebse scheinen am Strand mit dem Meer zu spielen. Laufen auf den Sand, lassen sich von der nächsten Welle holen, um wieder an Land zu krabbeln. Ich notiere mir Gedanken.Der Rückweg führt mich wieder durch die Einsamkeit. Diesmal keine Felsen, querfeldein. Sand, Sträucher, Dornen. Dazwischen hier und da mal ein verlassenes, mal ein bewohntes Haus, als ich mich langsam Sal Rei nähere. Kleine Stallungen, gebaut aus dem, was gerade nicht anderweitig benötigt wurde. Netze, Steine, Holz und Plastik. Und wieder begegnet mir kein Mensch. Die Ortschaft. Ärmste Menschen strahlen, neugierig, offen, vorbehaltlos. Vorbehaltlos...und dabei mit allem Recht der Verbitterung ausgestattet. Was brachten die Menschen, die kamen? Keine Freundlichkeit, keine Menschlichkeit. Sklaverei, Misshandlung, Arbeitslager und mehr... Und nun kommen seit Jahren Menschen aus dem Nirgendwo, sie fallen ein, sind ständig da, scheinen ein Leben zu führen, was leichter ist, erstrebenswert wie das Amerika aus dem Fernsehen. Wie begegnen die Einwohner diesen Menschen? Freundlich, herzlich, liebenswert. Wie würden wir Eindringlinge begrüssen? Gewiss nicht mit einem Lächeln... In Deutschland eher fussfaul, weigere ich mich fast, einen Wagen zu nehmen. Und tue es doch. Die Dörfer im Norden sind ganz anders. Idyllisch, grün, fast üppig bepflanzt. Bunte Häuser, ob Fundo das Fugueiras, Cabeco dos Tarafes oder Joao Barrosa. Auch Tiere und Stallungen finden sich häufiger; hier sitzt mal ein dünnes Schwein auf einer Sand-Wiese, dort hocken einige Hühner, aber alles in allem scheint es hier sehr viel fruchtbarer zu sein.
Dieser Eindruck ändert sich an der Abzweigung nach Boferreira. Eine Sandpiste, staubig, plötzlich ein Hupen mitten in der Einsamkeit. Ein Aluguer mit fast gestapelten Schulkindern, fröhlich winkend, lächelnd ob meiner krampfhaften Versuche, das Auto nicht hinzurichten, auf diesem Weg voller Gesteine und spitzer Felsbrocken.
Ich gebe Gas, will sie nicht aus den Augen verlieren. Und tue es dann doch. Die Strasse führt durch ein sumpfiges Loch. Brackwasser links, Brackwasser rechts, darin wimmelt es von undefinierbarem Getier. Ein Schluck von dem Wasser und ich habe alle Krankheiten, gegen die ich nicht geimpft bin und vermutlich noch einige, die schier unbekannt sind, denke ich und hieve das Auto den steilen Hang hinauf. Wenige Meter später eine alte Frau. Mit grossem, schwarzen Schlapphut sitzt sie am Wegesrand und lächelt. Ich frage sie – oder bemühe mich zumindest darum - ob das wirklich der Weg nach Boferreira ist, und dass ich gehört habe, dort irgendwo sei ein Kloster.. Sie versteht mich scheinbar trotz meines Kauderwelsches und schliesslich folgt sie meiner Einladung, sie mitzunehmen und setzt sich auf die Rückbank. In Deutschland hätte ich meine Papiere und mein Portemonnaie nach vorn geholt. Hier nicht. Meine einzigen Gedanken sind den Vokabeln gewidmet, die mir ausgerechnet jetzt fehlen müssen...Nach einer Weile von heftigem Auf und Ab sehe ich die ersten Häuser und gelange in das ärmste Dorf Boavistas. Ein Kloster ist hier nicht, aber das ist vergessen. Eine Armut, die trotzdem voller Stolz in der Sonne glüht. Die Männer sind fort, weil es hier nichts zu arbeiten gibt. Ein Dorf voller Kinder und einigen Frauen, viele davon alt, eine Handvoll Männer vielleicht, maximal, inmitten von bunten und gepflegten Häusern. Die Schulmädchen von eben laufen auf mich zu, als die Frau aussteigt und in einem der Häuser verschwindet. Ich schäme mich. Ich bin hier hingekommen, weil Matteo, von der Agentur Santa Monica, der mir das Auto organisierte, sagte, hier seien die Menschen besonders hilfsbedürftig. Ich wollte Stifte und diverse medizinische Dinge abgeben. Nun stehe ich hier - und wirke hilfsbedürftig, im Gegensatz zu diesen stolzen, schönen Menschen.Eine Gratwanderung, denn ich möchte nicht sein, wie der Weihnachtsmann, nicht wie ein vermeintlich gönnerhafter Tourist, der irgendwas verteilen möchte, um sich besser zu fühlen.Ich möchte nur ich sein, blicken, abgeben und weg sein, denn es ist mir peinlich. Wie gibt man Dinge, ohne sich dabei so zu fühlen? Ich weiss es nicht. Ich weiss nur eines: Ich habe sehr viel mehr bekommen, als ich gab... Den Kindern läuft der Schnupfen aus der Nase und auf den Köpfen sehe ich tummelnde Tierchen. Ihre Kleider sind sauber und ihr Lächeln ist rein. Mit grossen Augen stehen sie vor mir. Wir warten. Und gucken uns an. Und ich kann nichts von dem sagen, was ich sagen möchte. Und wäre ich der Worte mächtig, so könnte ich vermutlich dennoch nichts von dem sagen, was in mir ist...Ein Kind entdeckt einen der Stifte und rettet mich aus dieser Situation. Ich gebe den Schulmädchen die Stifte und stecke plötzlich in einem Volksfest. Mit diesen Kleinigkeiten zaubert man noch mehr Lachen in die Gesichter – und schämt sich dabei noch.Die Frauen, die wenigen Männer stehen daneben, kommen aus den Häusern, beobachten und freuen sich. Sie alle lächeln über ihre Kinder und ich stehe mittendrin und weiss nicht, was ich tun soll. Die Frau, die ich im Auto mitnahm kommt zu mir. Dankbar drücke ich ihr die Dinge in die Hand, reiche ihr die Tasche mit dem Verbandszeug, sie lacht mich an und dankt, ich danke ihr. Als ich den leeren Beutel ins Auto lege, steht ein kleines Mädchen vor mir und betrachtet die Tasche. Sie guckt nur. Ich gucke zurück, zeige auf den Beutel. Die Kleine strahlt und nickt. Und läuft mit ihm davon.Ich setze mich ins Auto, die Leute winken oder lachen mir zu und bin erleichtert, als ich das Dorf hinter mir gelassen habe. Ich fühle mich schlecht und weine.
Es ist ein Dorf, das ich nie in meinem Leben vergessen werde. Über Norte nochmals durch die Ortschaften... Nach der letzten kommt nichts. Steppe. Roter Sand, der sich in den Atemwegen verbarrikadiert, Staub der alles verschliesst und verschlingt. Die Hände fühlen sich trocken an.Im Wechsel kommen Steine, lediglich die Piste ist – noch – davon befreit. Hier lebt niemand mehr. Eine Anzahl Esel scheint sich zu fragen, was mich zu ihnen treibt.Die Landschaft wird schwarz. Kontraste, roter Sand, schwarzer Berg, Felsen, dann schwarze Steine, schwarzer Sand.Curral Velho, ein Strand wie aus dem Katalog. Menschenleer und kilometerweit.Weiter im Inneren die alte Stadt. Verlassene Häuser, Menschen die hier um das Überleben kämpften wurden durch den Mangel an Wasser vertrieben. Die Häuser beginnen zu zerfallen, beginnend vom Dach, die Mauern halten noch stand.Hier und da zeugt ein grüner Strauch davon, dass es einmal Wasser gegeben haben muss. Von hier aus führen Pisten in alle Himmelsrichtungen. Die Berge am Horizont deuten daraufhin, dass dort Povoçao Velha sein muss. Sollte... Doch auch nach einer Stunde nur noch Felsenwüste. Die Wege sind ein Auf und Ab, Felsbrocken, Steine, Schlaglöcher. Sie führen an Klippen, die eine Weiterfahrt verhindern. Die Umkehr ist auch nicht leichter. Zwischendurch Skelette, strahlend weiss und ausgeblichen. Dennoch besticht das Leblose, Wasserlose. Kein Grün, einfach nichts.Die Dämmerung bricht scheinbar langsam herein doch ich weiss, sie kommt schnell.Ich denke noch schmunzelnd an die Skelette, aber es waren Ziegen... Der Wagen steckt fest und der Abenteuergeist packt mich.
Diese Piste, oder jene? Sie alle landen im Nichts und nachdem ich mich geistig auf eine Nacht in der Felswüste vorbereitet habe, erahne ich am Strand von Santa Monica einen hellen Streifen... Santa Monica macht seinem Namen alle Ehre. Kilometerlanger weisser Sand, am Rande jener rote, von dem Matteo sagte, man dürfe ihn nicht befahren. Angeblich haben Investoren sich hier schon ihre Parzellen gesichert...Es ist ein Weg, jener helle Streifen, der direkt nach Povoaçao velha, dem ältesten Ort der Insel führt. Eine Piste mehr, als ein Weg. Doch sein Komfort mutet an wie eine Autobahn...Und als ich das Licht der Häuser erahnen kann, bin ich doch erleichtert.Über die Landstrasse, hügelig, aber doch sehr erholsam, erreiche ich den Hauptort. Dort ruft nur noch die Dusche und ein Pontche. Und ein weiterer. Im Esplanada spielt laute Musik. Der deutsche Tourist aus der Bar Naida ist mit seiner Frau gekommen. Er blickt auf meine Vokabel-Notizen und fragt, warum ich mir die Mühe machen würde. Ich antworte, dass ich mit den Menschen reden möchte. „Die Menschen hier haben doch nichts zu sagen“, meint er und ich erkläre dieses Gespräch sofort für beendet. Der nächste Tag führt mich nach Rabil. Die Häuser sind entlang der Strasse aufgereiht. Auf der einen Seite der Blick ins Tal, fruchtbarer: Mais, Palmen, Bohnen... Die Töpferei, Kinder an der Wasserstelle, übermütig, arm und strahlend. In der Töpferei reine Handarbeit. Keine Drehscheibe, kein Werkzeug, nur feuchter Ton und die Hände der beiden Männer. Am Boden spielen zwei Kinder, blicken kurz auf und versinken erneut in ihrer Beschäftigung. Wie bei den meisten Kleinen sind es Blechbüchsen, mit denen sie spielen; Papier an bunten Fäden, Kugeln oder einfach Holz.Alte Männer sitzen plaudernd vor ihren Häusern, junge Mädchen flirten über die Gassen und mir wird der Begriff von Zeit und Ruhe sehr viel klarer.Als ich vor der Kirche, bereits 1801 erbaut, stehe, kommt eine alte Frau aus einem der umliegenden Häuser. Sie fragt, ob ich sie mir ansehen möge. Ich nicke, sie holt einen rostigen metallenen Schlüssel. Ihr fehlt die Kraft, die Tür zu öffnen, doch in ihren Augen flackert junges Leben. Das Innere der Kirche überwältigt. Rosa, blau, leuchtende Farben. Auf Boavista gibt es keine Blüten, nicht ohne den seltenen Regen, doch der Alter besticht durch Blumenpracht, Plastik, liebevoll dekoriert. Mit den einfachsten Mitteln wird hier Stimmung geschaffen.Ich verharre auf einer der schlichten Bänke. Denke an den Kölner Dom. Pompös, überladen fast, im Vergleich. Wenn der liebe Gott in Kirchen wohnt, wie man es als Kind lernt, dann sicher eher hier. Hier ist man ihm bestimmt näher, als in den deutschen Luxushütten. Die Frau steht noch immer vor der Tür. Ich will ihr danken, doch sie bedankt sich bei mir und winkt mir nach, bis ich um die Ecke verschwunden bin.
Strand. Endloser, weiter Strand. Der Blick auf das Meer.Ich blicke auf die Wellen, die am Horizont an den Himmel stossen und muss weinen, ohne sagen zu können warum. Ich muss auch nichts sagen.Ein Mann kommt vorbei. Hält kurz inne, wir grüssen uns, er geht weiter seines Weges.Ein Mensch. Nur ganz Mensch. Ich streiche den Strand entlang und döse zwischen den Dünen. Ein junger Mann kommt zu mir, fragt nach Wasser. Ich gebe ihm meine Flasche. Er rückt näher, wir reden über fremde Länder und Cabo Verde, er erklärt mir, was Augen auf Creoul heissen, rückt noch näher, streicht einmal flüchtig über meine Wade und sagt mir nun, wie schön die Liebe mit einem Kapverdeaner sei. Ich bin für einen Moment erstaunt, erkläre ihm dann, wie sehr ich meine Kinder und meine Männer in Deutschland vermisse. Doch die Liebe zu einem Kapverdeaner sei schöner, versichert er. Und rückt noch etwas näher. Lediglich die Aussage, ich sei müde und wolle etwas Ruhe, bewegt ihn dazu, sich zu verabschieden und zu gehen. Freundlich. In Europa hätte ich Angst gehabt, denn der Ort ist weit und der Strand leer, ausser uns. Ich kann nicht erklären, warum ich mich hier nicht fürchte... Ein weiterer Spaziergang durch Sal Rei. Am Eingang des Ortes sind im Hintergrund eine Handvoll Hütten zu sehen. Schräg hinter der fast pompösen Tankstelle, die mit einer dicken Muschel von Europa spricht.Slums, aus Papier, Blech, Pappe, Palmblättern und Undefinierbarem. Das was mir bisher als arm ins Auge stack, wird unterboten.Plötzlich Gesang... Ein kleiner Junge, lauthals singend, springt auf die Hütten zu. Als könne er meine Gedanken erraten, verharrt er einen Augenblick, winkt mir und zieht fröhlich von dannen.Es bedarf keiner Häuser, es bedarf keiner materiellen Dinge, um froh, um glücklich zu sein. Sie erleichtern es vielleicht. Doch wer mit sich zufrieden ist, ist es auch so. Und wer es nicht ist, der wird es auch mit vielen Häusern nicht sein können...Der Junge bleibt mir im Sinn. Der letzte Abend. Wehmut packt mich. Noch einmal begegne ich Matteo und wir reden. Er erzählt von Drogen, weiss wie Schnee, die langsam auf der Insel Fuss fassen; von der Jugend, die nichts zu tun hat. Vom Alltag: Warten auf den Abend, Essen, nach dem Essen Fernsehen, trinken, und weil es auch danach nichts zu tun gibt, bekommen die Kinder Kinder – irgendwer wird es schon richten.Hier tut man das, was möglich ist, das unmögliche übernimmt der liebe Gott. Oder eben nicht. Leider muss ich das Gespräch abbrechen, denn ich möchte noch einmal nach Rabil, ins Restaurant „Sodade di nha terra“. Hier gibt es zum vorzüglichsten Essen die besten Gespräche dazu. Die Toiletten bestechen durch eine Sauberkeit, die auffällt. Erstmals habe ich das Gefühl, mit mir allein im WC zu sein. Die Besitzer lebten fast zwanzig Jahre in der Schweiz, kamen zurück, weil die Frau das Klima nicht vertrug. Während er, Armando Marques, von Sodade und der Faulheit mancher Kapverdeaner erzählt, gibt sie mir Nachhilfe in Krioulu. Als ich gehe bringen sie mich noch an die Tür. Am nächsten Morgen muss ich um acht am Flughafen sein... Ein letzter Blick auf die Wüste, die mich fortan ruft. Lauter und lauter...
Ich bin verliebt und fühle dieses Gefühl bestätigt. Meine Erwartungen wurden nicht bestätigt, sondern übertroffen. Und auch, wenn ich traurig bin, Boavista zu verlassen, bin ich voller Neugierde, auf das, was mich auf Santiago erwarten wird.
SANTIAGO Gritos y cantos
Praia... Erste Stressgefühle schiebe ich auf die Flughafen-Stimmung. Ich wusste ja, dass Praia keine Idylle ist. Scharen von Taxifahrern stürzen sich auf mich, als ich das Gebäude verlasse. Brav hatte ich zuvor nachgesehen, wie die Strasse heisst, wo ich hin möchte... Und so wirke ich nicht so dumm, wie ich mich fühle. Mit dem Taxi geht es zur TACV mitten auf dem Plateau. Fast erleichtert sinke ich dort in den Stuhl. Ein Flug nach Fogo, habe ich beschlossen, soll noch sein. Ich blicke aus dem Fenster und sehe die Menschen eilen, bin froh, eine Tür hinter mir geschlossen zu haben. Allein die Fahrt hier hin mutet an wie ein Wettlauf, Menschenmassen überall, plötzlicher Autoverkehr, im Gegensatz zu Boavista, wo man stundenlang auf den Strassen verharren könnte, ohne auch nur einmal zur Seite gehen zu müssen. Ein Treiben, ganz anders, als ich es bisher erfuhr. Ich verlasse die Agentur und gehe zielstrebig die Strasse hinunter, zu Fuss zum Markt, Sucupira. Die Bürgersteige sind eng und überfüllt, Menschen eilen ohne Rücksicht, bleiben stehen, rasen weiter, hier ein Stand, wo diverse Waren feilgeboten werden, dort ein Mensch, der mit Blicken beobachtet, dass ich es als unangenehm empfinde. Ich fühle manche Blicke im Nacken und auf meinem Gepäck, auf meinem Gesicht und in meiner Seele. Erstmals trage ich Maske und bekomme das Gefühl „Every smile takes money...“ Jedes Lächeln kostet, jede Frage. Und ich werde es noch viel deutlicher erfahren. Desilusao – fällt mir ein, ich fühle mich beklemmt, unsicher, doch ich versuche es nicht zu zeigen. Es herrscht eine Atmosphäre, dass das Misstrauen wächst. Praia, Sucupira, Assomada... bleibende Erinnerungen voller Unwirklichkeit und prallster schmerzender Realität. Kaum unten angekommen besticht der Markt durch Lebhaftigkeit, Farben, pralles Miteinander, Afrika. Einen Moment lang betrachte ich die Szenerie. Eine Frau kippt das dritte Mal abgestandenes Wasser über einen Frisch-Fisch, der in der Sonne brät. Andere wedeln die Fliegen weg. Obststände, Fisch, Fleisch, Bohnen und Gewürze, Kleidung und alles, was man zum Leben brauchen könnte oder eben nicht. Der Bruch nur Sekunden später: Die Aluguer-Fahrer. Wie Geier stürzen sie sich auf Touristen, buhlen um ihren Mitfahrwunsch, übertönen sich, drängeln, drängen sich auf. Die Hintergründe, dass diese Fahrer ein Aluguer zu mieten haben, jeder Fahrgast ein Teil des Überlebenskampfes ist, sind klar. Aber rechtfertigt es die entwürdigende Art, wie auch einheimische Frauen ins Aluguer genötigt werden? Zwei, drei Burschen springen heraus, packen die Frauen am Arm, ein zunächst buntes Treiben, was anmutet wie ein vermeintlicher Überfall... „Assomada?“ fragen sie. Die junge Frau verneint. Zu zweit reden sie auf sie ein, schieben sie in Richtung Auto. Also doch Assomada... Ich beobachte. Nach eineinhalbstündigen Runden durch Praia ist der Wagen endlich voll. Ich sitze still in meiner Ecke, schaue, freue mich, nicht mehr die einzige Frau im Auto zu sein. Später bin ich die einzige, die raus will.Ich brauche eine Toilette. Bei der ersten Ansammlung von mehr als fünf Häusern steige ich aus. Pikos heisst der Ort. Kein Gebüsch, keine Nische – aber ein freundlich lächelnder Schwarzer am Wegesrand. Er heisst Joseph. Nachdem er mein Ansinnen verstanden hat, möchte er mir helfen. Er fragt in mehreren Häusern nach, bis ich so nervös bin, dass wir in der Mission landen, einem kleinen Krankenhaus. Während ich zunächst an den Menschen vorbeistürme, der Doktor mich beruhigt, meinen Puls fühlt, bis er versteht, dass ich nur seine Toilette benötige, sehe ich mich anschliessend um. Es kostet hier viel Zeit, zum Arzt zu gehen. Und jene, die hier sitzen, brauchen ihn dringend. Josef und ich gehen bis zur Hauptstrasse, wo ich ausstieg. Wir reichen uns die Hände und er bittet mich, Pikos nicht zu vergessen. Ich bin besänftigt. Bis Assomada... Mein Aluguerfahrer erklärt, er fahre nicht nach Tarrafal, ich müsse umsteigen. Er bringt mich zu seinem Kollegen und ich bekomme das Gefühl, dass neben der Fahrerei die Haupteinnahmequelle ist, Touristen für dumm zu verkaufen... Der Kollege fährt nach Tarrafal und ich steige ein. Doch der Geldbetrag, den der Mann verlangt wächst minütlich, nun soll auch der Rucksack als Person gelten. Meine Gegenerklärung stört ihn nicht. Er diskutiert. Vehement. Und ich beschliesse auszusteigen. Als mir das verwehrt wird, er mir mit seinem Arm den Weg versperrt, sich vor mir aufbaut, bin ich das erste mal wütend. Meine Augen scheinen es ihm deutlichst zu erklären, rasch nimmt er den Arm beiseite – nicht jedoch, ohne mir zu folgen, nicht ohne dass ich von drei weiteren Kollegen verfolgt werde, die mich nun alle nach Tarrafal bringen möchten, dies lautstark betonen und auch nach drei Strassenzügen noch auf mich einreden. Bisher hatte ich das Gefühl, als Frau könne man hier problemlos allein reisen. Nun stelle ich fest, dass man das nur sollte, wenn man im Zweifelsfall auch energisch auftreten kann... Ich ignoriere den Club der Fahrer, ziehe meine Maske tiefer und bestelle mir in der prallen Mittagssonne am nächsten Stand ein Sagres.
Und ich beschliesse zu wandern!
Männer, die ich nun nach dem Weg nach Tarrafal frage, wollen mich zu den Aluguers begleiten, ich lehne dankend ab. Der junge Schuhputzer möchte Geld dafür, mich zu denen zu bringen, denen ich eben entwich. Nocheinmal mehr an den grinsenden Fahrern vorbei möchte ich nicht. Frauen zeigen mir nach dem fünftenVersuch den Weg. Sie wirken noch vertrauensvoller in diesem Moloch der Wegelagerer. Ich wandere! Zeit zu denken, der Schweiss rinnt, die Wut legt sich. Der Fussweg nach Tarrafal lässt hoffen. Lächelnde Menschen, die mich weder fahren möchten, noch mir etwas verkaufen wollen oder mich anbetteln. Ein kleiner Junge fragt mich entgeistert, wohin ich gehe. Touristen fahren Auto und gehen nicht zu Fuss. Schon gar nicht ins über 20 Kilometer entfernte Tarrafal. Ich sehe ihm an, dass er mich für verrückt hält. Aber er ist freundlich zu mir und will nichts von mir. In den Dörfern begegnen mir wieder offene Menschen.Der Architekt, der gerade ein Haus baut, in Frankreich gearbeitet hat: Nun ist er wieder arm, aber daheim. Ohne Sodade... Die Kinder, die mich anstrahlen und die Frauen, die stolz sind, dass ich ihre Kinder bewundere. Nach einigen Bergen und Tälern in sengender Hitze und rund 10 Kilometern, wie ich später mit dem Auto feststellen werde, ist mir endgültig warm. Ich geniesse die Unterhaltung. Und ich gebe nach. Ein Aluguer hält. Ich fahre nur noch in offenen Aluguers, wo ich abspringen kann, denke ich noch. Irrtum. Abspringen wäre Wahnsinn.Das erste Mal in Cabo Verde habe ich Angst. Der Fahrer übt für den Grand Prix, rasant legt er sich mit dem Wagen in Kurven, wo neben mir nur noch der Abgrund wartet. Ich höre auf, die knochigen Hühner zu zählen, die aufgeregt zur Seite flattern, blicke lieber nach hinten, um nicht zu sehen, wie nah wir gerade am Selbstmord vorbei gerast sind. Die beiden Männer die durch lautstarkes Pfeifen auf sich aufmerksam machten, um mitgenommen zu werden, steigen nach Vollbremsung ein. Sie reden ein bisschen, lächeln, halten sich fest und sind freundlich. Innerhalb kürzester Zeit rasen wir in den Ort: Tarrafal.Ein Markt. Fast zitternd stecke ich mir eine Zigarette an und erinnere mich daran, atmen zu müssen. Mit meinem Rucksack und dem Touristenstempel auf der Stirn fühle ich mich zum Opfer berufen und deplaziert. Wieder ein buntes Treiben, hübsch anzusehen. Ich muss mitten durch, fühle mich mit Gepäck nicht zum Verweilen angeregt, aber empfinde es hier schon gemächlicher als noch eben in Assomada. Ich lande in meinem Zimmer, Pension Sol Marina. Hundekot auf den Betten, Bauarbeiten, Lage mit Blick auf Müllhalde und Unrat hinter dem Haus, dahinter irgendwo das Meer. Zwar hatte ich weder europäischen Komfort erwartet noch erhofft, aber ich fühle mich nicht wohl - und gehe wieder.Der Weg von Boavista nach Santiago ist weit. Wie eine Dunstglocke legt sich eine seltsame Atmosphäre über die Insel, ein Dunst von Beklemmung, Armut, Schmutz, Berechnung, Elend und der Gratwanderung. Unerfüllte Hoffnungen und letzte Träume liegen dicht bei einander.Was auf Boavista arm war, war dennoch von Sauberkeit und Würde und Freundlichkeit. Die Menschen hier wirken edel, stolz anmutend, in der Bewegung. Doch wirklichen Stolz fand man auf Boavista. Hier ist viel verloren gegangen, an Würde. Was man auf Boavista manchmal vermutete, ist hier offensichtlich, was dort im Verborgenen bleibt, holt mich hier ein. Die Städte scheinen jenen anzuziehen, der es auf dem Land nicht packt. Endstation, durch Tourismus und krasse Gegensätze zwischen arm und reich noch schlimmer... Drei Jungs zwischen vier und sechs lächeln mich auffordernd an, fordern dann Entlohnung für die Frage nach dem Weg, den sie mir als Eskorte zeigen... Ich lande im Baia Verde, unter Palmen – den einzigen Strand-Palmen von Cabo Verde, direkt am Meer. Als ich erneut eine Zimmertür hinter mir schliesse, atme ich durch. Wo war ich? Mein erster Eindruck - ein Schock. Ich bin verändert und meine erste Reaktion ist Rückzug.
Wo war die offene Freundlichkeit? Bin nahe den Tränen, zweifele... Darf ich noch lächeln, oder kostet es auch? Darf ich noch fragen? Offenheit wandelt sich in ein vorsichtiges Misstrauen und Traurigkeit. Boavista empfing mich mit offenen Armen, Santiago mit fordernden Händen... Die Toilette besticht durch eine eigenwillige Brillenpolsterung, saugfähig, komfortabel anmutend, aber ich klappe sie lieber hoch... Das Wasser kommt nur sporadisch und ist kalt. Das alles stört mich nicht, die europäischen Anforderungen sind fort, störend ist, was in meinem Kopf geschieht... Ich nehme mir ein Herz und gehe in den Ort. Die Luft gar ist eine andere, der Geruch: Tiere liessen sich auf Boavista vermuten, doch hier riecht es ohne dass Tiere da sind. Schmutz. Der Kontrast zur Sauberkeit Boavistas ist allgegenwärtig.Vor den Häusern dümpeln Essensreste in Kochtöpfen in der Sonne, der Inhalt mehr lebendig denn tot... Der Markt riecht nach Verwesung, eine aufreizende Mischung aus totem Fleisch, Fäkalien und Unbekanntem, was ich auch nicht näher ergründen möchte.
Und immer wieder die Musik... Cesaria Evora, die bekannteste Sängerin der kapverdischen Inseln. Traurige Morna, voller Hoffnung und Hoffnungslosigkeit, „sem rume, sem direccao...“. Lieder über die Liebe, Stolz und Machtlosigkeit, Sehnsucht und das geliebte Land. Ein unendlicher Überlebenswillen gepaart mit der Liebe zum Leben, dem Wissen um das Leben. Der Ruf des Lebens, der sich in der Musik so findet, wie in der Natur und den Menschen... Überwältigend, Funana, Batuk - und immer wieder der Regen... „Se nha terra tinha tschuva, sima nô tem melodia, no ka tava anda na meio d’mundo espalhod”, was so viel heisst, wie “wenn es in meiner Heimat so viel Regen, wie Melodien gäbe, dann müssten wir nicht gehen und wären nicht in der halben Welt verstreut…” Das Lied, was von der Abhängigkeit des Regens erzählt, vom Leben, dass sich nach dem Regen richtet. Dem Pflanzen nach den ersten Tropfen, dem Eilen auf die Felder, sobald er kommt. Ein Lied, was von der Emigration singt, von dem Volk, dessen Menschen häufiger im Ausland leben, als in der Heimat, um dem Hunger zu entfliehen, um Geld zu verdienen, in einem Staat, der ohne Überweisungen aus dem Ausland noch ganz anders aussähe...
Eine Tour mit dem Wagen trainiert die Gelassenheit weiter.Nicht wegen der Serpentinen, an die man sich gewöhnt hat, sondern wegen des Motors, der bei jeder Erhebung dreimal hustet, ausgeht, sich starten lässt, um sich beim nächsten Hubbel auf der Piste erneut in Krämpfen zu ergehen. Durch das Innenland Richtung Praia. Serra Malagueta, imposante Berge, bizarr, zerklüftet, so steil, dass der Blick schon Schwindel hervorruft, bewirtschaftete Terrassen. Eine Steigung, die in den Nebel führt, so dicht, dass man nur hoffen kann, es möge kein Gegenverkehr kommen. Saftig-fruchtbare Täler, Bananenplantagen, Windräder, ungewohnte und ungeahnte Üppigkeit und Pflanzenpracht. Die Strasse führt an Picos vorbei. Ich möchte mich nochmals bedanken, suche Joseph. Suche in der Mission, vor der weithin sichtbaren Kirche. Keiner kennt ihn und doch weiss jeder, wo er wohnt... Es könne nur der Josef aus dem Krankenhaus sein. Ich wundere mich, da es mir so nicht vorkam, aber wenn er der einzige Josef ist... Nein, im Ort wohne er nicht, ich müsse ins Tal... Über einen Pfad, der nicht einmal mehr als Piste bezeichnet werden dürfte, führt der Weg in den Abgrund. Ich bete um jeden Meter, verfluche das Fahrzeug, was sich wie ein schaukelndes Schiff schneller abwärts begibt, als erhofft. Zwei, drei Menschen blicken mich an, als ob sie mich für wahnsinnig halten. Aber den Weg Richtung Joseph, den kennen sie. Am besagten Haus angekommen, zeigt die lächelnde Frau auf den gegenüberliegenden Gipfel. Ziele kosten Mühen, denke ich und rede dem Auto gut zu, um dann auf dem gegenüberliegenden Gipfel auf das Tal verwiesen zu werden – nicht ohne mir diverse Flechtwaren verkaufen zu wollen. Ich erreiche das Tal und tatsächlich das Haus des Joseph. Mais auf dem Hausdach, Stroh vor der Mauer, einige hungrige Hühner neben einem unwirklichen Pfad. Seine zwei kleinen Kinder spielen mit leeren Konservendosen, seine Eltern bitten mich hinein und seine Frau versucht ihn mit einem nagelneuen Handy im kleinen Krankenhaus zu erreichen, wo man mir vor drei Stunden sagte, er sei zuhause...!!! Nun, dann wolle sie mit mir zu ihm fahren, aber sie müsse sich noch umziehen, erklärt mir die Gattin freundlich und amüsiert sich während der Fahrt ob unserer Kommunikationsversuche... Sie sagte mir nicht, dass sie sich im Hause der Mutter umziehen wolle, jener Frau, die mich auf den gegenüberliegenden Gipfel verwies... Während sie sich umzieht, darf ich im Haus der Mutter Platz nehmen und blicke mich vorsichtig um. Steinfussboden, eine Kommode mit Geschirr und Gläsern, an den Wänden liebevoll aufgehängte Heiligenbilder und Kreuze, das Schlafzimmer durch einen Vorhang abgetrennt. Josefs Frau ist umgezogen und ich frage vorsichtig, ob dieser Weg jeden Tag bewältigt werden müsse... Sie bejaht, ich blicke auf ihre Füsse in Plastiklatschen und habe wieder einmal Hochachtung. Nach einem kurzen Wortwechsel kommt uns die Idee, dass ich die Dinge, die ich Josef geben wollte, ja auch bei ihr lassen könne... Und so lasse ich sie nach einem herzlichen Gespräch und ihrer Einladung, doch einmal zum Essen vorbei zukommen bei der Mutter zurück und wende waghalsig auf wenigen Metern Piste knapp neben dem Steilhang, im beruhigten Wissen, meine Verbandsmaterialien, Medikamente und diverse andere Kleinigkeiten in guten Händen gelassen zu haben. Als ich nach einer guten Stunde Berg- und Talbahn erneut an Picos vorbeifahre, sehe ich Joseph noch persönlich... Er ist Schuhputzer und wohnt in Assomada... Und wenn ich ihm danken wolle, so solle ich ihn „rausholen“ aus diesem Leben....
Mein Weg führt mich über über Sao Domingos nach Pedra Badejo, und auch zum zurückgelassenen Hotel von Peter Trummer, in der Calheta, der hier einst Wanderungen unternahm, Touristen führte und die Elektrizität in das Tal brachte... Heruntergekommen am Ufer, zwischen industriell anmutenden Bauten steht es und wartet scheinbar darauf, von den Gräsern herum weiter überwachsen zu werden, während Peter Trummer in Praia sein soll, Endstation... Ich folge der Küstenstrasse nach Norden, eine kleine Bar lässt mich innehalten und etwas trinken und Amerika lässt grüssen... Grün und orange leuchtet das Haus am Strassenrand, die Tische im Inneren auf Drehkarussels gebaut, knallbunt gestrichen. Teresa, ihre Freunde dürfen sie Djuca nennen, wünscht sich, mit mir fotografiert zu werden, als ihre Freundin kommt. Die Bar ist ihr Stolz und sie träumt von Amerika, Deutschland jedoch sei noch schöner... Ein junges Mädchen, im Ansatz schon desillusioniert und doch so voller Hoffnung. Deutschland sei ein Paradies.Nein, sage ich. Cabo Verde ist ein Paradies. Es geht weiter über die Piste.Die „money, money“- Rufe der Kinder erschüttern mich nicht mehr so, aber treffen mich doch. Fast froh, Tarrafal zu erreichen, setze ich mich noch auf vor das Häuschen und blicke auf die sanfte Brandung. Viele Eindrücke sind in mir und ich bin nicht in der Lage, sie zu verarbeiten. Ich beginne erneut zu schreiben. Es hilft ein bisschen... Am Abend esse ich im Baia Verde. Fisch, Reis, ein wunderbares Gemisch und eine Menge Sagres. Danach laufe ich noch einmal durch den Ort. Musik schallt aus einem der niedrigen Bauten am Hafen, ich wage ein vorsichtiges Nähern. Eine Band probt, eine wunderbare Frauenstimme, Männer an den Instrumenten, zwei Zuhörer. Nach einiger Zeit blicken sie sich um. Und nochmals. Der Untersetzte der beiden provoziert: Ob man portugiesisch spräche? Nein? Und kein Krioul...? Nicht die traditionelle Sprache seines Volkes, die Kultur auf der die Menschen hier aufbauen... Ich verstehe, was er sagt. Seine Blicke werden vorwurfsvoller.Erst als beide merken, dass mein Protest auf Englisch, Französisch, drei Brocken Portugiesisch und eineinhalb Crioul erfolgt, kommt ein Lächeln – und dann ein langes Gespräch. Von der Musik, bis hin zu der Musik, dem Leben, den Ländern, alles, was einfällt. Eine Art von Freundschaft erwächst, die mich in den nächsten Tagen begleitet. Und doch wirft das anfängliche Verhalten die Frage auf, was die Menschen von den Touristen erwarten – oder nicht besser – zu erwarten haben?!
Die nächsten Tage geniesse ich weiterhin mit Vorsicht, mein Lächeln vorsichtiger, mein Blick schärfer. Ich habe den ersten Schritt zu tun – und doch ist es hier schwerer, als eben noch auf Boavista. War es die Naivität, zuvor? Oder einfach die Reaktion auf das, wie man empfangen wird? Doch wie würden wir reagieren, in Europa?? Zwischen Boavista und Santiago liegt nicht nur das Meer, sondern Welten. Im Ort reges Treiben. Hautfarben in jeder dunklen Schattierung, eine Offenbarung aller Völker, die hier ihre Spuren liessen. Ich konzentriere mich wieder auf das Beobachten. Andacht in der Kirche. Jugendliche, eben noch aufgeregt schnatternd, betreten mit Kniefall das Gebäude.Auffallend oft kümmern sich die Väter um ihre Kinder, liebevoll, ja, öffentlich zärtlich. DER Markt ist weniger hektisch, auch wenn er mir für den Rest der Reise den Appetit auf Fleisch nimmt. Das was das Meer hergibt wirkt zunehmend wahrhaftig! Vieles, was hier veräussert wird, hat eine Reise hinter sich, die länger war, als die meinige. Das Land ist zum Import verdammt. Niemand möchte mich nötigen, mir etwas aufdrängen.
Die Menschen gucken, verkaufen mir Piri-Piri zu einem angemessenen und nicht überteuerten Preis, auf meine Frage, wo es Musik gibt, beschreibt ein junger Mann mir den Weg – das Angebot seiner Begleitung lehne ich jedoch vorsichtshalber ab... Auf dem Weg begegnet mir Man, der Musiker vom Abend zuvor. Seinem Freund gehört der Musikladen, ich bekomme einen „Freundschaftspreis“, vermutlich noch immer höher, als der der Einheimischen, aber geringer, als das, was angeschlagen steht... Ich freue mich wie ein Kind...Hier im Ort sind die Menschen nicht so offen, wie sie mir noch in Sal-Rei begegneten, aber freundlicher als in Assomada oder Praia. Ein Nein wird als ein solches verstanden und akzeptiert. Begegnungen sind noch immer vorsichtig, doch ich denke darüber nach, was diese Menschen erfahren haben, von den Europäern... Das Konzentrationslager vorm Ort ist gerade mehr als 20 Jahre geschlossen. Die Portugiesen pferchten hier Freiheitskämpfer, Staatsgegner und alle, die unbequem waren, zusammen. Ich besuchte es bereits, fühlte mich erinnert an die Filme über das Dritte Reich, die Bilder von Dachau. In dem Museum auf dem Gelände, untergebracht in einem gelben Bau-Container sind Fotos ausgestellt, die ernüchtern. Ausgemergelte Gefangene, Helme, Zeitungsausschnitte, heroische Aufpasser. Und vor der Tür eine Allee von toten Bäumen... Am Rande des Ortes Villen von Reichen aus Praia, Häuser der Entwicklungshelfer. Sie machen auf elitär, die Gegensätze sind krass und schmerzlich... Meine drei kleinen Freunde, gestern noch Wegelagerer in hoffnungsvoller Ausbildung mutieren zu neugierigen, zwar hartnäckigen, aber doch lieben Jungs. Sie rufen meinen Namen und schenken mir Muscheln, die „schönsten“ natürlich, von jedem, und während ich schmunzelnd und beschämt feststelle, dass sie die Touristen einige Meter weiter anschnorren, verabschieden sie sich von mir mit einem netten „bis morgen“. Es scheint, als sei ich etwas akzeptierter, als gestern noch. Zumindest aber nicht mehr das permanente Opfer...Ich beginne mein Lächeln wiederzufinden. Frauen vor den Häusern, Männer im Gespräch. Die Frauen Wasser tragend, in grossen Zubern waschen sie Kleidungsstücke und Bettwäsche, trocknen sie auf den staubigen Strassen, beschwert mit Steinen, damit der Wind sie nicht raubt. Alte Männer und Kinder scheinen offener als die mittlere Generation; Frauen sind zugänglicher, immer in Bewegung, immer beschäftigt – Santiago wirkt wie eine Insel der Frauen... Afrika scheint herüber... Nach einer kleinen Tour am Sonntag erkenne ich den Strand nicht wieder. Treffen sich dort allabendlich junge Leute um gemeinsam Ballspielen zu frönen, zu lachen, zu reden. Wieder im Gegensatz zu Boavista, wo nur manchmal am Hauptplatz von Sal-Rei Treffen stattfanden, abends am Strand nicht zu jeder Jahreszeit Trubel herrscht– so ist nun vor Menschenmassen der Sand kaum zu erkennen. Musik schallt aus der kleinen Steinbar auf der Felsanhöhe, die Frauen und Kinder tanzen, die Männer singen und ich kann nicht anders, als inne zu halten. Weiterhin erfahre ich so etwas wie Freundschaft. Anders als auf Boavista, aber ehrlich. Luis begegnet mir auf der Strasse. Er freut sich, stellt mir seinen Freund vor. Dieser unterrichtet die jüngeren Jahrgänge an der Schule von Tarrafal. Wir reden und beide fragen mich, ob ich mit ihnen ein Bier trinken gehen wolle. Ich sage zu und Luis stoppt. Er will nicht auf meine Kosten trinken. Er müsse daher noch nach Hause.Wir gehen zu ihm, er bittet uns in sein Haus. Ein Flur, ein Wohnraum vollgestopft mit Möbeln, einfach, aber zum Wohlfühlen. Zwar widersprechen Kinderwäsche, Spielzeug und Frauenkleider seinen Erzählungen, jedoch stelle ich keine Fragen mehr...Stolz zeigt er mir seine Werkstatt hinter dem kleinen Hof. Er tischlert, Möbel jeglicher Art. Und für Feiern und Trinken, so erklärt er, mache er noch ein paar Jobs nebenbei. Wir wandern durch den Ort. In einer Bar bleiben wir hängen, Luis stellt mir einige Freunde vor. Einer lebt seit Jahren in Paris, macht gerade „Urlaub“ zuhause. Ein anderer will weiterziehen. An der Theke ein zahnloser Schwarzer, der feucht vor sich hin brüllt. Man geht gelassen mit ihm um. Auch hier, Respekt und Toleranz. Plötzlich ein Weisser dazwischen. Er sieht mich an, als sei ich in sein Revier eingedrungen. Luis begrüsst ihn, sie wechseln wenige Worte. Ich erfahre, er ist Entwicklungshelfer aus den Niederlanden. Auch wir reden, doch nur kurz. Er betrachtet mich mit kalten Augen, und während ich in seinem Revier verharre, stellt er sich abseits vor die Tür, um sein Bier zu trinken. Wir gehen nochmals durch den Ort. Die Nacht wird lang. Aus der Bude vor der Kirche dröhnt blecherne Musik, die Männer betrinken sich. Luis schimpft mit dem Lehrer. Er dürfe nicht so viel trinken. Als Luis zu betrunken ist, um noch zu reden, erzählt der Lehrer: Seine Frau sei zuhause. Er habe Arbeit, unterrichte die Kleinen in Portugiesisch, er demonstriert mir den Unterschied zwischen der Sprache der ehemaligen Kolonialherren und Creoul. Doch nach der Arbeit könne er nur trinken. Er könne bei seiner Frau sein, doch er würde trinken. Er wisse, dass es nicht gut sei – aber was sonst solle er tun?! Luis meldet sich wieder zu Wort. Werde er wiedergeboren, so solle dies in Amerika sein, bei seiner Familie. Sein Bruder, seine Eltern, alle seien sie in den Staaten. Boston, die heilige Stadt, die Emigranten-Stadt. Amerika sei gut, Amerika sei ein Paradies und wenn er erst besser Englisch könne, so wäre Amerika auch sein Paradies. Darf ich ihm seine Träume rauben? Es ist spät, der letzte Pontche ist getrunken und ich möchte denken, schlafen und denken. Luis will mich nicht gehen lassen, wann schon habe er mal jemanden zum reden. Jemanden, der nicht blau ist und nicht im Teufelskreis steckt... Der Lehrer sagt, ich solle gehen, morgen sei auch noch ein Tag und ich solle gehen, wenn ich das will. Ich gehe. Ich bin Santiago etwas näher gekommen. Und traurig. Am letzten Tag pausiere ich. Keine Wanderungen, keine Erkundigungen, Eindrücke wollen verarbeitet werden. Ich gehe an den Strand. Die Sonne brennt stärker als auf Boavista, ein sanfter Wind beruhigt die Haut, das Meer ist traumhaft. „Meine Jungs“ laufen auf mich zu, schenken mir noch einmal Muscheln und fragen nach Wasser. Ich bin gerührt. Sie wollten nur Wasser... Eine Frau spricht mich an, Französin. Sie habe mich auf Boavista gesehen. Als ihr Mann kommt reden wir noch einwenig. Sie wollen nach Fogo. Ich blicke auf das Meer, in die Sonne, auf die Menschen und in den Himmel... Mein Lied fällt mir ein... „Gritos y cantos“... Aufschrei und Gesang liegen dicht beieinander, auf Santiago. Mein letzter Abend auf Santiago. Noch einmal gehe ich durch den Ort, klettere über die Baustelle auf der Hauptstrasse, über die Baustelle am Platz, verjage dickleibige Kakerlaken, die ich nun fast schon mit Namen kenne. Der allabendliche muffige Geruch steigt aus den Häusern und legt sich wie eine Decke über die Stadt. Ich bin erschöpft. Noch ein Blick auf die artgeschützten und angeblich potenzsteigernden Schildkröten im viel zu kleinen Becken, ein letztes Gespräch mit dem Nachtwächter des Baia Verde, der mir auch diesmal die Fluchthilfe versaut...
Die Reise zum unbekannten Geliebten. Ich bin ihm näher gekommen, beginne mehr zu erfassen, sehe positives wie negatives. Ich denke an Boavista, wo mein Herz sich überschlug, sehe Santiago, was diese Liebe auf die erste Probe stellt. Noch immer bin ich verliebt, jedoch nicht mehr mit dem Überschwang der ersten Gedanken, nicht mehr rosarot, aber vermutlich sehr viel tiefer...
FOGO Cielos y besos
Am Flughafen treffe ich meine Franzosen wieder. Sie fliegen zurück, ich komme an. Schon die ersten Minuten sind nach Santiago eine Kur, der Atem wird leichter, das Bedrückende ist fern, die Sauberkeit leuchtet im Vergleich und die Menschen – wieder anders, wieder offener...Ich werde von Luigi abgeholt. Eine seltsame und eigenwillige Vertrautheit und doch fremd. Wir fahren zum „Le Bistro“ in S. Felipe, wo er sein Touristik-Büro unterhält und seine von ihm getrennte Ehefrau das Restaurant nebenan. Von der Terrasse aus der Blick auf Brava. Zumindest aber wird mir davon berichtet. Doch der Horizont liegt samt der Nachbarinsel im Nebel, im diesigen Unerreichbar. Hohe gepflegte Häuser um mich herum,Farbenpracht,Sauberkeit, alles etwas europäischer als zuvor. Nach einiger Zeit zieht Luigi sich zurück und ich gehe los, den Ort zu erkunden. Mein Spaziergang endet nach fünf Metern. Der Nachbar, ein alter Herr, freundlich, nett, interessiert und intelligent. Woher ich komme, wohin ich gehe. Ein Zimmer hätte er auch für mich und wenn er nicht verheiratet wäre... Marx hat er gelesen und er war im Senegal. Seine Söhne leben in Amerika. Amerika auch hier das gelobte Land.Maria gesellt sich dazu. Sie wohnt ein paar Strassen weiter, hat Farbe und Lack gekauft und findet mich „spontan sympathisch“, wie sie sagt.Ich lausche dem creoulischen Wortwechsel und versuche mehr und mehr zu verstehen.Ein junger Mann kommt, Maria geht. Er ist modern gekleidet, hat ein Handy in der Hand, spricht von – natürlich – Amerika.Zwei Häuser weiter wohnt die junge Frau, die sich zu uns gesellt und uns alle ! mit Küsschen begrüsst. Sie strahlt mich an, lehnt sich an den jungen Mann. Ich denke an Stefan, der zwei Jahre auf diesen Inseln lebte und seine Worte über das Lächeln der Kapverdeaner.Nach einer guten Stunde und dem Versprehen mir zumindest das mit dem Zimmer noch einmal zu überlegen, gehe ich weiter.Schmale Strassen, gepflastert, etwas bergauf und bergab. Der fehlende Staub irritiert schon fast. Die Häuser wirken gepflegt, wenige sind verlassen, wenige renovierungsbedüftig, von aussen. Menschen beobachten und grüssen freundlich zurück, denn ich wage langsam wieder zu lächeln. Und überall der Duft vom nahen Meer.Im Esplanade trinke ich einen Pontche. Kaffee gab es nicht...Der Blick auf das Meer ist idyllisch, der schwarze Sand zwischen den Felsen lockt mich, auf der Strasse ziehen junge Menschen vorbei, es herrscht eine fröhliche Ruhe und mir kommen erneut die Tränen. Überwältigt. Ich gehe fast taumelig und mit weichen Knien zum Meer. Nicht ganz dicht heran, wie schüchtern, fast, sondern von einer Ebene kurz über dem Strand wage ich den Blick. Die Brandung beherrscht alles, waghalsige Wellen rasen hier auf das Land zu, um sich dann in den schwarzen Sand zu schmiegen. Ich vergesse alles um mich herum und mich selbst. Der Abend ist ein Wohlgenuss an Gesprächen und Schweigen. Nach dem gemeinsamen Frühstück kommt ein Fahrer von Luigi. Der Weg zum Vulkan, Pico.... Durch die Ebene arbeitet sich der Wagen bergauf, über Strassen, die vom Wasser bekämpft worden sind. Genau zu erkennen ist, wo der rare Regen den Boden bedacht hat, wo nicht. Ich träume vom Regen, überlege, wie er wohl riechen möge und sehe, wie geschickt sich die Menschen hier Auffangbecken bauten, um das Land bewirtschaften zu können.
Einfache Häuser säumen die Wege, freundliche Menschen winken und die meisten grüssen Luigi, der hinten mit mir auf der Bank des Aluguer sitzt. Je höher wir kommen, desto fruchtbarer wird es, kleine Terrassenfelder, die dann wieder weniger werden – und dann... schwarz.Lavaebenen, Lavabrocken, Lavagestein und schwarzer Sand... Doch der Pico stellt meine Geduld noch auf die Probe, lässt sich nicht erblicken, nicht eine Sekunde nur gönnt er mir, bis wir ihn fast erreichen, kurz vorm Cha das Caldeiras. Der grosse Vulkankegel, der kleine Pico vom jüngsten Ausbruch zu seinen Füssen. Ein Blick, der erstarren, erschaudern lässt und Freude bringt. Und eben noch voller Fragen, die mir Luigi geduldig beantwortet, bin ich nicht mehr in der Lage zu reden. Der Pico überwältigt mich mit seiner Schönheit, er sieht aus, wie man einen Vulkan malen würde, wenn man es müsste... Der Vulcano relativiert, was ist der Mensch, der übermütig nach oben springt, um doch wieder im Dreck zu landen? Die Natur beherrscht den Menschen, der Mensch besticht durch Überlebenswillen – solange die Natur es ihm gestattet... Cha de Caldeira... unbestechlich, schön. Die Menschen nähern sich dem Vulkan und leben mit ihm. Sie nähern sich und er nährt, solange sie eins sind. Und er still hält... Wein... Der berühmte und mittlerweile geliebte Fogo-Wein. In der Kooperative wird er angebaut, gekeltert, einst Inititiative der Entwicklungshelfer, nun Sache der Einheimischen.Diese beobachten genau, scheinen Fragen in sich zu tragen und sind trotzdem - zunächst noch - zurückhaltend. Als Luigi und ich im Haus von Tito pausieren, Ziegenkäse, Brot und roten Wein des Hauses geniessen, explodieren die beiden Töchter vor Redseligkeit und schmunzelnd lausche ich diesem neugierigen Verhör. Die Umgebung. Einfach und bestechend, klar und faszinierend. Zwischen dem Schwarz immer wieder die Pracht der Pflanzen, die von der Fruchtbarkeit des Lava-Bodens zeugen. Wie mag es ausgesehen haben, vor dem letzten Vulkanausbruch 1995, als sowohl einige Häuser, die Strasse, als auch die Weinkooperative teilweise zerstört worden sind.... Die Wege der Lava sind noch zu erkennen, das Alter der Ausbrüche zeigt sich an fortschreitender Erosion der Steine.Wieder die Umarmung von Vernichtung und Leben, Pracht und Ausweglosigkeit.In Achada Furna wurden damals Ersatzhäuser gebaut, für die Menschen des Cha. Nur wenige nahmen das Angebot wahr. Was sollen sie fern von ihrem eigentlichen Leben? Hinter dem Felsen gedeiht Kaffee und anderes. Ich werde es beim nächsten Mal ansehen... Der Weg zurück führt über die Dörfer. Vom Regen abgerutschte Strassen führen durch trockene Gegenden, die von Fruchtbarkeit unterbrochen werden.Hübsche Kinder gucken neugierig, winken, Freundlichkeit und mir fehlen die Worte. Das Meer ruft erneut. Schwarzer feiner Sand, Brandung, ich vergesse mich, verliere mich im Blick auf das Meer, im Kontrast zu dem schwarz. Die Sonne versinkt und ich halte sie fest. Ich bin verliebt in einen Vulkan. In offene, neugierige Menschen, die manchmal den ersten Schritt tun, aber meist eher abwarten, dass man diesen selbst geht. Was aber auch ein einfaches „Bom dia“ sein kann... und schon ist der Kontakt hergestellt. Menschen die pur sind, ganz Mensch, einfach nur Mensch.Fogo mag rau sein, aber doch zärtlich, wirkt etwas kantig mal, aber dabei doch sehr ehrlich. Fogo bricht mir mein Herz.Eine Mischung aus Europa und Cabo Verde, nicht greifbar, nicht begreifbar, aber real. Hier ist sie sehr viel deutlicher, als auf den Inseln zuvor. Eine liebevolle Mischung, wieder anders, als das bisher gekannte, aber bestechend und schön.
Der unbekannte Geliebte, nicht mehr unbekannt, längst nicht vertraut und doch ein schon vertrautes Gefühl. Die Liebe hat sich bestätigt. Liebe braucht Kompromisse und bin ich im wirklichen Leben nicht oft in der Lage dazu gewesen, habe ich mich oft gefragt, ob ich überhaupt kompromissfähig sein kann, so bin ich mir nun darüber im klaren – ich kann.
Flughafen Sao Felipe.
Zwei junge Männer gesellen sich zu mir. Wir plaudern einen Moment. Woher, wohin, wie Fogo mir gefällt. Sie merken, dass ich nicht reden möchte. Sie respektieren meinen stummen Wunsch und ich blicke auf s Meer. Die Insel macht mir ein letztes Geschenk: Der Dunst gibt den Blick auf Brava frei und die Tränen kommen von allein. Sie bleiben bis zur Zwischenlandung auf den Kanaren und kommen auch danach immer wieder. Ein Übergepäck an Gedanken...
Praia, zwei Stunden Wartezeit.
Die kleinen Piratos gehen mich nicht mehr an, wenn ich sie einmal weggeschickt habe. Ich kann meinen Sohn nicht anrufen, weil mein Telefon versagt. Karten gibt es keine zu kaufen, nicht einmal bei denen, die mir sonst den Tod, ihre Seele oder mein Leben verkaufen würden. Mein Blick scheint Bände zu sprechen: Ein Unbekannter kommt, drückt mir seine Telefonkarte in die Hand. Ich frage ihn, was er haben möchte, dafür. Nichts. Einen Händedruck. Und einen ungläubigen Blick ob geschenkter 28 Telefoneinheiten, ausgerechnet in Praia... Ein Mann von Maio erzählt mir von seinem kranken Sohn, umarmt mich zum Abschied... Auf Sal nur noch Leere in mir. Ein letzter Blick zurück, auf dem Weg ins Flugzeug.
Unvereinbares ist ein Miteinander, die Zeit ist nicht mehr Zeit. Das Jetzt zählt und doch der Überfluss der Vergangenheit auf diesen Inseln. Nirgends sah ich den Himmel so schwarz bei Nacht. Die Stille war voller Stille, ohne jeden Laut, ohne jedes Nebengeräusch, so ruhig, dass es fast schmerzt und dabei so wohl tut. Ein Duft ist nicht mehr und nicht weniger als ein Duft. Sinne, die verloren gehen, im Nebel der Übersättigung.
Ich bin zurück und bin es nicht. Ein Teil von mir ist auf Cabo Verde. Eine Menge Ballast, versunken im Atlantik. Eine Menge im Handgepäck dabei – Gedanken, Gefühle, Eindrücke.
Deutschland verwundert. Sicher ist es ein Genuss jederzeit warm duschen zu können; den Arzt aufsuchen zu können, um zu fragen, ob die Schwellung, die ich mir für ein Foto auf Boavista zugezogen habe, nun von allein zurück geht, oder ob geschnitten werden muss. Ist es ein Genuss oder kann es Genuss sein? Das satte Grün kann bestechen, es steht mir offen, vieles zu tun, was ich nur hier tun kann. Doch ich will es gar nicht.Schon der Besuch im Supermarkt ist Überforderung; die Gesichter der Menschen irritieren und die Hupkonzerte auf den Strassen zaubern mir ein Lächeln auf s Gesicht. Kakerlaken lieb ich nicht wirklich, aber ich weiss, ich könnte mich „anfreunden“ mit ihnen... Hier halte ich es sauber, aber nun – nach Cabo Verde - mit einer gewissen Selbstironie. Es ist anders. Das Leben hier könnte ich dort nicht leben, das Leben dort könnte mir gefallen und wäre ein anderes als hier... Ich weiss nicht, wie lange es dauern wird, in diesem Zustand der Gelassenheit zu schweben; dem Stress mit einem abwinkenden Lächeln zu begegnen, eine Ruhe zu empfinden, dass man sich selbst zum Staunen bringt. Sich abgrenzen zu können, wie im Taumel durch die Tage zu gehen. Ich sehe eine Zeitrechnung, eine neue Zeitrechnung. Das Zeitalter vor Cabo Verde und danach... Und ich hoffe mein Blick bleibt klarer... Zwei Wochen Cabo Verde gestalten den Menschen nicht neu, doch sie können verändern. Es sind viele Dinge in mir, die noch sprachlos ruhen. Viele Erinnerungen werden erst später kommen, später verarbeitet werden. Manches werde ich nie begreifen. Aber in meinem Herzen tragen. Ich höre “Sodade”, “Sodade di nha terra...” Deutschland ist meine Heimat, doch was sind es für Heimatgefühle? Der Kapverdeaner aus dem Flugzeug kommt mir in den Sinn. Er lebt seit 14 Jahren in Rotterdam, arbeitet auf einem Schiff, kennt alle europäischen Häfen und ist froh, verdienen zu dürfen. Doch seine Augen sprechen Bände, wenn er von Sao Vicente spricht, seine Augen singen von Sodade... Es mutet bedingungslos an. Cabo Verde ist gut zu seinen Menschen und ist es nicht. Die Menschen machen das beste, aus dem, was möglich ist. Deutschland bietet sehr vieles. Und den meisten noch immer nicht genug. Heimat, Sodade... Können wir es so fühlen, hier in Europa? Ich glaube nicht... Es ist ein Gefühl, was ich so für Deutschland nicht haben kann. Auch wenn ich um die Vorzüge weiss, die Nachteile sehe, mein Land lieben kann und dessen doch auch überdrüssig bin. Wenn ich hier meine Wurzeln habe, meine Erinnerungen, das, was ich mag – und auch das, was ich verachte. Wie tief die Wurzeln sind – das gilt es zu überdenken. Das, was ich bin, bin ich von hier. Und das, was ich bin, bin ich überall. Ich liebe mein Land, liebe es aufgrund seiner Sprache, aufgrund seiner Denker und Dichter, seiner Natur, wegen des Kölner Doms, des Karneval und aufgrund von vielen Kleinigkeiten... Wegen einiger Menschen und wegen anderer Menschen wünsche ich mir zu gehen.
Deutschland ist nicht schlechter, nicht besser, aber anders. Und manchmal so anders, dass es schmerzen möge. Sodade aber ist Cabo Verde. Cabo Verde ist nicht meine Heimat und doch - ich habe Sehnsucht. Nach wenigen Tagen nur...
Paraíso di Atlantico? Cabo Verde ist kein Paradies ohne Nachteile, doch es ist ein Paradies mit Nachteilen. Der unbekannte Geliebte, mit Stärken und Schwächen. Fünfzehn Inseln nur, in den Atlantik geworfen, verloren und doch niemals verloren, vergessen und zugleich unvergesslich.
Ein Mysterium des Schweigens, der Sehnsüchte, voller verloren gegangener Träume, unerfüllter Hoffnungen und neu geweckter Träume voller Hoffnung. Nicht mehr unbekannt. Aber geliebt!
UMA FLOR P´RA BEIJAR Uma flor p´ra beijar E nunca esquecer. Um olhar de encantar E nunca perder. Uma felicidade, Uma realidade, D´um amor que nasceu Simplesmente d´um olhar
VOZ Y QUEBRANTO
Drei Wochen später. Ich kämpfe nach wie vor. Die Zeitrechnung bleibt bestehen. Das, was ich zuvor kritisch sah, sehe ich nun mit Abscheu. Das, was ich ungern tat, kostet mich jetzt Überwindung. Jeder Artikel den ich schreibe, trägt den unsichtbaren Titel „Ticket nach Cabo Verde“ und der „Spinner-Stempel“ prangt scheinbar wie tätowiert auf meiner Stirn. Ich stelle alles in Frage. Gebe Antworten, die niemand erwartet und mir seltsame Blicke schenken. „Du bist wie umgekrempelt,“ höre ich. Und fühle mich unverstanden. Und doch - es stimmt. Ich wundere ich mich manchmal über mich selbst. Gewohnheiten sind die Fingerabdrücke des Charakters, heisst es. Was ist es für ein Charakter, wenn die Fingerabdrücke sich so verändern? Die Ruhe in mir ist noch da, selbst wenn die Hektik um mich pulsiert. Zuviel Ruhe fast: Mein Job kämpft gegen den Schlaf. Das mir, ausgerechnet mir...
Cesaria Evora kommt nach Köln... Auftrieb... Cabo Verde kommt zu mir, wenn ich schon nicht kommen - oder gar bleiben kann. Die ersten Töne erklingen, während der Caipirinha flutartig durch die Kehle rinnt. Neben mir Katharina, Afrika-erfahrene Reisende, und Stefan, Sodade-gebeutelt.... Drei Töne, vier, dann ist es um mich geschehen und ich stehe heulend in der Menge. Den Dom im Rücken, Cesaria frontal... Sodade im Herzen, Sodade im Ohr. Man kann nicht alles haben, im Leben. Aber auf irgendeine Art möchte ich beides. Und auf eine seltsame Art habe ich beides in mir. Der Kölner Dom,... ob ich ihn mitnehmen könnte? Manchmal ist alles ganz leer und ich weiss nicht, wie ich leben kann, so zweigeteilt im Herzen.
Mir fällt ein Gedicht ein: Das Leben ist mir wie ein halber Mond.. so unbewohnt... Die andere Hälfte hast du mitgenommen... Ich wage keinen Schritt, der Tag zerbricht, ich kann nicht leben in diesem halben Licht. Nicht mit dir und nicht ohne dich und konnte es noch eben...
Mein erster Gedanke am Morgen ist Cabo Verde. Das letzte Bild vor Augen, wenn der Schlaf mich übermannt, ist das gleiche. Zwischendurch kommt die Resignation. Einfach im Trott versinken. Nicht weiterdenken, weitermachen wie bisher. Hinnehmen. Es wäre leichter. Es wäre wie sanft einzuschlafen und zu vergessen. Aber es geht nicht. Ich kann es nicht. Und ich will es auch nicht. Alles ist gut - erst nach sieben Wochen. Ich buche... Gritos y Cantos...
Nichts ist passiert. Aber alles ist anders!
„Wenn Du ein Schiff bauen willst, so trommle nicht Männer zusammen, um Holz zu beschaffen, Werkzeuge vorzubereiten, Aufgaben zu vergeben und die Arbeit einzuteilen, sondern lehre die Männer die Sehnsucht nach dem weiten endlosen Meer“
(Saint-Exupéry)
Die Sehnsucht nach dem endlosen weiten Meer spüre ich. Nun muss ich nur noch lernen, wie man ein Schiff baut.
Weiter mit "Tiempo y silencio II."
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